Full Body: Individuum vs. Masse
Oldenburg/cr. Wer denkt, dass es bei dem Tanzstück Full Body von Choreograph Marcel Leemann (Oldenburgisches Staatstheater) in erster Linie um vollen Körpereinsatz geht, liegt sicher nicht ganz daneben. Doch es geht um weit mehr: Es geht nicht nur darum, Gliedmaßen und Muskeln gekonnt zu nutzen, sondern auch darum, sein Inneres mit all seinen Ängsten und Hoffnungen nach außen zu kehren. Und darum, mit den anderen zu einem Körper zu verschmelzen – „One Body“ wäre als Titel durchaus auch passend gewesen.
Full Body feierte am Freitag Premiere.
Foto: Andreas J. Etter
Wie ein Bienenschwarm in schwarz-gelb gekleidet bewegen sich die neun Tänzerinnen und Tänzer der Tanzkompanie Oldenburg sowie die Schauspielerinnen Hanna Franck und Kristina Gorjanowa mal allein, meist aber doch in der Gruppe über die Bühne. „Wohlbehütet in der Masse untergehen oder doch Individualität bewahren?” ist eine der Fragen, die es in diesem Stück zu ergründen gilt. Es geht unter anderem um die These, dass wirkliche Intelligenz in der Masse nicht möglich ist. Sie wird ersetzt durch eine „Schwarmintelligenz“, nach der man sich immer zum Schwarmmittelpunkt bewegen, niemandem zu nahe kommen und sich immer in dieselbe Richtung wie sein Nachbar bewegen soll. Immer wieder kommt es zu Versuchen Einzelner, sich selbst zu präsentieren, um kurz darauf wieder Teil des Schwarms zu werden. Grenzen überschreiten, eigene Wege gehen – alles wird probiert und doch wieder verworfen.
Full Body fordert dem Zuschauer einiges an Emotionen ab. Starke körperliche Anspannung, selige Zufriedenheit, ergriffene Gänsehaut und der Wunsch, jetzt einfach weinen zu können.. Hoffnung, Trauer, Verzweiflung, vielleicht sogar ein bisschen Glück – das alles untermalt nicht nur durch die Bewegung, sondern auch durch die Musik. Die stammt von Beat Halberschmidt, der vielen noch aus den Zeiten bekannt sein dürfte, als Jan Pusch Choreographer in Residence am Oldenburgischen Staatstheater war. Zwei Songs stechen aus dem Klangteppich heraus: Sie werden vorgetragen von der Tänzerin Gili Goverman, die den Songs nicht nur ihre großartige Stimme leiht, sondern diese auch extra für dieses Stück geschrieben hat.
In einer abergläubischen Branche wie dem Theater eine Premiere (auch noch die erste des Jahres) auf einen Freitag, den 13. zu legen, ist schon ein Zeichen für ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Und das darf man in diesem Fall auch haben.
Weitere Vorstellungen: 18., 21. und 31. Januar sowie 2. Februar, jeweils 20 Uhr in der Exerzierhalle. Mehr Infos: www.staatstheater.de.
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Zutreffend! Eine Choreographie die den Tänzerinnen und Tänzern und vor allem den beiden, im Ursprung mehr auf das Sprechen ausgebildete, Schauspielerinnen wirklich alles abverlangt. Zu selten kommt aber der Gedanke des Schwarms zum Ausdruck. Etwas beliebig wirkt zeitweise die Szenenabfolge. Das Publikum kann hoffen Tänzerin Gili Goverman noch häufiger mit ihrem Gesangstalent und ihrer ausdrucksstarken Stimme zu erleben. Diese Art der spartenübergreifenden Inszenierungen machen das Theatererlebnis immer wieder lohnenswert.